[4] Antwort auf „Die Metabene“ (Claus Metzner)

(1) Zu 3.1: Ich halte es auch für eine gute Idee, die Metaebene im Blick zu behalten und gleich zu Beginn der Diskussion offen darüber zu reden – und zwar auch mit der positiven Option, die dort waltenden „Leit-Kräfte“ gewinnbringend auszunutzen. Denn auf der Metaebene finden sich ja nicht unbedingt nur niedere Beweggründe, sondern ebenso unsere gesamte kondensierte Lebenserfahrung. Nach meiner Vorstellung bilden sich bei jeder Person im Laufe ihres Daseins  allgemeine Tendenzen und Charakterzüge heraus, so wie sich der Regen auf geologischen Zeitskalen ein Netz von Kanälen gräbt. Jede kleine Mikroentscheidung und Mikroerfahrung trägt dazu bei, ebenso natürlich mögliche plötzliche Umbrüche in der jeweiligen Biographie. Diese sich langsam herausformende Metaebene verändert dann umgekehrt – im Sinne einer Top-Down-Causation – die Wahrscheinlichkeiten der Mikroentscheidungen. Die Metabene ist so etwas wie das Karma. Je nach der persönlichen Biographie können die eingeübten Beweggründe des Handelns somit „niedriger“ oder „höher“ (more skillfull, wie moderne Buddhisten sagen) entwickelt sein, konsistent oder konfus, konflikt-trächtig oder friedenschaffend.
(2) Nun bin ich persönlich mit den Grundtendenzen meiner Metabene – zumindest soweit sie mir bewußt sind, einigermaßen einverstanden. Ich habe im Großen und Ganzen das Gefühl, mit meiner Lebenseinstellung um mich herum – selbstkonsistent – immer wieder eine Umgebung zu schaffen, die mir wohltut, niemandem schadet und ein paar Menschen sogar ein wenig nützt. Selbstvertständlich bin ich aber dabei immer offen für das Neue, manchmal geradezu besessen von der Hoffnung, noch einmal ganz neue, ungeahnte Bahnen in den Sand meiner Metaebene zu graben.
(3) Zu 3.2: Du scheinst Dich tatsächlich gerade in einer Umbruchphase zu befinden. Es könnte daher gut für Dich sein, diese Top-Down-Causation zuzulassen, die Dich gerade hin zieht zur Spiritualität: Nicht mehr nur die Welt von außen analysieren und in tote Modelle pressen, sondern von innen heraus die Welt im Hier und Jetzt erleben. Immerhin hatte auch ich eine über viele Jahre andauernde Lebensphase, in der ich alles verschlungen habe, was mit Zen und Taoismus zu tun hatte, viel meditierte und japanische Kampfkünste übte.
(4) Meine physikalische Hauptbeschäftigung habe ich darüber allerdings niemals aufgegeben, sondern sie im Gegenteil genutzt, um einen kleinen Traum zu realisieren: Meinen zweijährigen Japan-Aufenthalt. Die Wissenschaft hat mir aber nicht nur in dieser Hinsicht sehr bei meiner inneren Entwicklung geholfen, sondern mich auch mit einer großen Zahl wirklich interessanter Menschen zusammengeführt. Ich brauche ausgeflippte, idealistische und gleichzeitig klar denkende, offene, intelligente, mit den modernsten Entwicklungen vertraute Typen um mich herum. Und die finde ich nirgends besser als in der Wissenschaft. Auch arbeitet man in der Wissenschaft selbstbestimmter und mit weniger Druck als irgendwo sonst – wenn man nicht gerade den Fehler macht, sich in eine selbsternannte  „Elitegruppe“ zu begeben. Entschuldige, ich bin abgeschweift.
(5) Zu 3.4: Ich hoffe, wir können trotzdem weiterdiskutieren, auch wenn ich nicht gewillt bin, mich so schnell von meinen bewährten Grundtendenzen zu befreien. Ich bin darüber hinaus gar nicht von der Existenz einer monolithischen, objektiven „Wahrheit“ überzeugt, die irgendwo da „draußen“ auf ihre Entdeckung wartet. Irgendwie habe ich eher das Gefühl, es gibt da draußen nur eine in ihren vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten unvorstellbar große, leere Sandwüste, in die wir unsere eigenen Kanäle graben und auf die wir unsere eigenen Pyramiden bauen müssen. Wir kreieren uns eine intersubjektive Welt, auch dann, wenn wir glauben, Naturgesetze zu entdecken. Es gibt schon einen objektiven Möglichkeitsraum, aber wie dieser uns konkret subjektiv erscheint, hängt von unserer „Einstellung“ ab. Immer wenn man etwas geklärt oder erkannt hat, tun sich neue Dimensionen auf.
(6) Zu 3.3: Hier also im Vorab – und in stichworthafter Kürze – einige meiner Grundtendenzen, mit denen Du rechnen werden mußt, wenn wir weiter diskutieren:
(a) Ich bin ein großer Freund der Naturwissenschaften.
(b) Ich glaube, daß sich auch die höheren Leistungen menschlichen Denkens, die Du angesprochen hast, letztlich mit wissenschaftlichen Methoden erklären und (bio-)technisch nachbilden lassen.
(c) Nur mit dem Bewußtsein ist es möglicherweise anders. (Ich muß hier doch ganz kurz ausholen: Ich verstehe leider nicht genau, was Leute jeweils unter Bewußtsein verstehen. Für mich ist das ein Mix aus unterschiedlichen Problemen: Gewahrsein von Zuständen/Ereignissen, Selbst-Erfahrung, Freier Wille, usw..  Ich glaube wie Singer, daß freier Wille – und die damit verbundene Verantwortlichkeit –  in der frühkindlichen Phase  intersubjektiv erzeugte und dann immer wieder bestärkte Konstrukte sind – nichtsdestoweniger sind sie aber bindend und wirksam. Selbst-Erfahrung sollte kein besonderes Problem sein, wenn man Fremd-Objekt-Erfahrung, d.h. das allgemeine Gewahrsein verstanden hat. Selbst-Erfahrung ist sicher auch kulturell verschieden – es gibt ja weniger selbst-bezogene Kuturen.) Das Kernproblem ist für mich somit das Gewahrsein von Zuständen. Noch besser: Was Buddhisten als reines Gewahrsein bezeichnen: Eine inhaltslose Erfahrung reiner Bewußtheit. Bei diesem Punkt schließe ich mich dem Ignorabimus von Du Bois – Raymond an, wir können das nicht rein wissenschaftlich angehen.
(d) Ich bin ein großer Freund des Buddhismus und glaube, daß er einen bewährten und zugleich mit der Wissenschaft völlig kompatiblen Weg bietet, das Gewahrseins-Problem durch persönliche Erfahrung von innen heraus zu vertstehen.
Claus.
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[3] Die Metaebene (Arthur Franz)

Lieber Claus,

(1) bevor wir die eigentliche Diskussion weiterführen, möchte ich noch einen wichtigen Punkt erwähnen. Ich denke, dass du – wie ich – allen voran an der Wahrheit interessiert bist. Leider werden Diskussionen zwischen Menschen oft von anderen, niedereren Gründen geleitet, als der Wahrheitssuche. Darum möchte ich die Diskussion auch parallel auf die Metaebene führen, der Ebene, die uns emotional dazu verleitet, auf eine bestimmte Weise zu argumentieren und die die Gründe für bestimmte Einstellungen und Argumentationsweisen beleuchtet. Ich mache mal den Anfang.

(2) In meiner persönlichen Geschichte hat sich ein Übergang vom materialistischen Denken und eine atheistischen Einstellung hin zur „andere Seite“, zum Bewusstsein und zu Gott ereignet. Dies wird natürlich auch von den Abwendung von der KI parallelisiert und auch von meiner – vorläufig – beruflichen Abwendung von der Wissenschaft. Allerdings birgt das Ganze die Gefahr einer Einseitigkeit: schließlich sind die gerade „konvertierten Gläubigen“ diejenigen, die am eifrigsten den neuen Glauben vertreten. Dies gilt natürlich auch für die Transformation in die andere Richtung. Darum spüre ich oft in mir, die Tendenz, „alte“ Überzeugungen, wie z.B. dass die KI doch genuines menschliches Denken erzeugen kann, voreilig zu verwerfen und den Eingriff von Bewusstsein und immateriellem Geist zu bevorzugen. Das kann lediglich der Versuch sein, mich selbst vom neuen Glauben zu überzeugen und erzeugt ein Ungleichgewicht bei meiner Wahrheitssuche, das ich natürlich tunlichst abstellen möchte. Dies möchte ich selbstkritisch vorab angemerkt haben.

(3) Wie sieht es bei dir aus, Claus? Ich merke bei dir eine Tendenz zur Gegenseite, obgleich du, viel mehr als andere Physiker, für die „Bewusstseinsseite“ offen bist. Ist es in der Tat so oder bildest du nur der Diskussion wegen ein Gegenpol zu meiner Tendenz, was natürlich für jede Diskussion unabdingbar ist? Und wenn du wirklich eine Tendenz hast, dann warum?

(4) Ich denke, wir sollten uns von allen unterschwelligen Tendenzen befreien, die anders als durch Neugier an der Wahrheit motiviert sind. Dann können wir in einem „reinen Zustand“ uns auf die Suche begeben.

Arthur

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[2] Vorläufige Antwort (Claus Metzner)

(0) Arthur, zunächst einmal besten Dank für deinen äußerst stimulierenden letzten Post. Wäre ich im Augenblick nicht mitten in der heißen Phase zweier wichtiger Projekte, würde ich gerne viel ausführlicher darauf antworten. So aber vorerst nur ein paar spontane Bemerkungen. An die einzelnen von Dir angesprochenen Punkte sollten wir zu einem günstigeren Zeitpunkt noch im Detail anknüpfen.

(1) Vielleicht können wir einen Teil der von Dir aufgezählten herausragenden Eigenschaften des menschlichen Denkens – im Kontrast zu den kognitiven Leistungen heutiger künstlicher Systeme (KI, neuronale Netze) – mit dem Gegensatzpaar „flüssiges“ versus „festes“ Denken umschreiben und zusammenfassen.

Der Festkörper steht hier symbolisch für Starrheit, Regelmäßigkeit und Brüchigkeit, die Flüssigkeit für geschmeidige Anpassungsfähigkeit und überraschende Dynamik. Das andere wichtige Gegensatzpaar „bewußt“ – „unbewußt“ möchte ich vorerst getrennt betrachten.

(2) Ich gebe Dir recht, daß heutige künstliche Systeme immer noch einen sehr „festen“ Eindruck machen, ganz besonders im Bereich der KI, etwas weniger bei den künstlichen neuronalen Netzen. Allerdings sollte man nach meiner Meinung hieraus nicht den voreiligen Schluß ziehen, es sei grundsätzlich unmöglich, künstliche komplexe dynamische Systeme zum „flüssigen“ Denken zu bringen.

(3) Ein Netzwerk aus 10 hoch x künstlichen Neuronen mit kontinuierlichen Aktivitätsgraden hat einen ungeheuer großen Zustandsraum. Schon bei nichtlinearen Systemen mit sehr wenigen Komponenten muß man oft lange im Parameterraum suchen, bis man die „Inseln“ findet, in welchen plötzlich interessantes Verhalten auftritt. Man denke nur an Conway’s „Game of Life“: Schon zelluläre Automaten mit minimal anderen Regeln zeigen nur langweiliges Verhalten. Wir haben heute keine brauchbaren Heuristiken, mit denen wir gezielt die „flüssigen“ Phasen komplexer Systeme aufspüren könnten. Stattdessen geben wir einfache Ziele vor, trainieren das Netz mit Backpropagation für diese spezielle Aufgabe, und wundern uns dann, warum das Ergebnis niemals
„über sich hinaus wächst“.

(4) Natürliche kognitive Systeme haben auch den Vorteil eines hochkomplexen Körpers mit fantastischen Sinnesorganen und Aktoren, sowie den des graduellen Aufwachsens in einer komplexen Welt mit Ko-Organismen. Ich glaube daher auch, daß Fortschritte im
künstlichen „flüssigen“ Denken eher aus der Robotik kommen werden.

(5) Wir haben auch noch nicht alle Resourcen ausgeschöpft, die für „flüssiges“ Denken relevant sein könnten, wie z.B. stochastische statt deterministische Dynamik, kontinuierlicher statt diskreter Zustandsraum, oder die nicht-klassischen Effekte des Quantumcomputing.

(6) Die wichtigste Resource haben wir nach meiner Meinung noch gar nicht begonnen auszuschöpfen: Die Fähigkeit eines Systems zum unbegrenzten Wachstum unter Beibehaltung der bereits funktionierenden Funktionen. Einen wichtigen Schlüssel hierzu vermute ich in der Kombination von

  • ineinandergreifenden Regelkreisen (die gegen Veränderung gut geschützt sein müssen und dafür sorgen, daß trotz ständiger Fluktuationen und Umbrüche im System alle zum Funktionieren essentiellen Randbedingungen erhalten bleiben) und
  • positiven Rückkopplungs-Schleifen (die zufällig auftretende, anfänglich kleine neue Trends wachsen lassen können). Ein System dieser Art, auf das man wirklich aufbauen könnte, wäre ungeheuer robust: Man könnte z.B. problemlos „in run time“ Komponenten herausnehmen oder hinzufügen. Es könnte daher wachsen und sich evolutiv weiterentwickeln.

(7) Ähnlich wie in (6) laufen nach meiner introspektiven Erfahrung auch kreative Denkprozesse ab: Es gibt Randbedingungen des Problems, die nicht angetastet werden dürfen. Wie in einer gut geheizten Flüssigkeit entstehen ständig neue kleine Turbulenz-Muster. Viele, die nicht komplett mit allen Randbedingungen verträglich sind, werden gleich wieder von den Regelkreisen unterdrückt. Irgendwann taucht eine passende Fluktuation auf, die ungehemmt wachsen kann und schließlich dominiert: Wie eine stabile Konvektions-Walze. Überhaupt halte ich es für vielversprechender, das Gehirn als eine Selbstorganisations-Maschine zu betrachten, statt als Informationsverarbeitungs-Maschine.

(8) In (1) habe ich die Achsen „fest“-„flüssig“ und „unbewußt“-„bewußt“ entkoppelt, weil ich nicht überzeugt bin, daß beiden Gegensatzpaare notwendig zusammengehören. Viele Leute glauben, es gäbe so etwas wie ein geheimnisvolles „Selbst“, welches sowohl für das Bewußtsein wie auch für das „flüssige“ Denken verantwortlich ist. Ich dagegen könnte mir (zumindest rein logisch) wachstums- und evolutionsfähige Roboter vorstellen, die in einer menschlichen Kultur ähnlich aufwachsen wie unsere Kinder. Sie würden vielleicht irgendwann sprechen lernen und den Turing-Test bestehen – ohne daß wir uns jemals darum gekümmert haben, ihnen „Bewußtsein“ einzubauen.

(9) Aufgrund meiner buddhistischen Neigungen bin ich ein Anhänger der Idee des Nicht-Selbst: Eine Person hat keinen „Selbst-Kern“, sondern ist ein Strom von Ereignissen, eingebettet in den Ereignis-Strom der Umwelt. Ich glaube, wir lernen intersubjektiv, einen Teil dieses Ereignisstroms als unser Selbst abzugrenzen. Durch Kommunikation mit anderen Lebewesen werden wir immer wieder in dieser Illusion bestärkt.

(10) Wie das Bewußstsein mit dem durch Reinforcement antrainierten Selbst-Kern zusammenhängt, verstehe ich natürlich auch nicht. Es gibt aber zahllose Berichte von Buddhisten, die nach jahrelangem „Deinforcement-Training“ einen Zustand der Selbstlosigkeit realisieren und dennoch von einem überaus klaren Bewußtsein sprechen. Ist Bewußtsein also teilweise unabhängig vom Selbst-Konzept ? Jedenfalls bin ich mir recht häufig irgendwelchen Dingen bewußt, ohne gleichzeitig meiner Selbst bewußt
zu sein, z.B. in den wunderbaren Flow-Zuständen beim Arbeiten oder Musik machen. Schwierige Sache ….

Soviel für heute.

(Claus Metzner)

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[1] Die große Frage (Arthur Franz)

Ich (A.F.) mache mal den Anfang. Dazu zitiere ich mal die Problembeschreibung wie es Du-Bois Reymond schon 1872 beschrieben hatte:

„What conceivable connection is there between certain movements of certain atoms in my brain on one side, and on the other the original, undefinable, undeniable facts: `I feel pain, feel lust; I taste sweetness, smell the scent of roses, hear the sound of organ, see rednessʹ … It is entirely and forever incomprehensible why it should make a difference how a set of carbon, hydrogen, nitrogen, oxygen etc. atoms are arranged and move, how they were arranged and moved, how they will be arranged and will move. It is in no way intelligible how consciousness might emerge from their coexistence.“

Schließlich möchte ich die Frage noch weiter fassen. Es geht um die große Dualität des Lebens. Die Spannung zwischen Materie, Berechnen, Suche, Abzählen, Kombinieren, Zerlegen, Analyse, Logik, Sinnlosigkeit, Bedeutungslosingkeit (Klasse A) einerseits und
Bewusstsein, Gott, Verstehen, Intuition, Kreativität, Kunst, Spontaneität, Einfall, Einsicht, Sinn, Bedeutung (Klasse B) andererseits.

Desweiteren möchte ich folgende Problemfelder anführen, um das Problem hoffentlich einzugrenzen.

1. Evolution
Die Entwicklung der Lebewesen korreliert mit Bewusstsein und Komplexität. Bewusstsein korreliert mit Komplexität.

Wie kann es sein, dass mit der Entwicklung höherer Lebewesen (scheinbar) mehr Bewusstsein, Intelligenz, Selbstreflexion, etc. also mehr von Klasse B entstanden ist? Erst recht ist es unverständlich, weil warum Bewusstseinsphänomene wie Qualia ÜBERHAUPT aus Materie entstehen sollten. Wenn wir die Korrelation mit Komplexität feststellen, dann drängt sich die Frage auf, ob Bewusstsein nicht eine emergente Eigenschaft von Materie ist. Dies bestreite ich, aber das können wir noch später diskutieren.

2. Komplexität
Bewusstsein kann scheinbar exponentiell harte Probleme lösen.

Bei der Untersuchung des menschlichen Problemlösens hat die Denkpsychologie Aha-Erlebnisse untersucht. Bei einem Aha-Erlebnis schaffen Menschen es scheinbar durch einen radikalen Wechsel ihres Repräsentationsraumes des Problems („Einsicht“) das Problem auf vollkommene neue Weise beleuchten und eine neue Lösung finden. Das Problem wird exponentiell schwierig zu lösen, weil der Raum möglicher Repräsentationen unheimlich groß ist und nur in exponentieller Zeit absuchbar ist. Es ist die Frage zu diskutieren, ob der Mensch einfach geschickte Suchheuristiken verwendet und sich von Korrelationen leitet lässt, die ihm „auffallen“, oder doch hier die Klasse B reinspielt: sind Kreativität und Intuition bei der Problemlösung vielleicht nicht von „dieser“ materiellen Welt? An der berühmten Konferenz der künstlichen Intelligenz in Dartmouth hat man folgendes „Dartmouth-Proposal“ formuliert: „Every aspect of learning or any other feature of intelligence can in principle be so precisely described that a machine can be made to simulate it.“ Ist es wirklich so? Oder ist Kreativität in der Tat die Erschaffung von etwas wahrhaft Neuem? Etwas, das nicht als Kombination von Wahrnehmung und innerer Berechnungsvorgängen erzeugt werden kann?

3. Holismus
Reduktion, Analyse und Zerlegung in Einzelteile führen nicht zur Lösung.
KI-Teilfelder. KI lässt sich nur als Ganzes lösen.

Dies führt uns direkt zur nächsten Frage. Jetzt Analyse und Zerlegung des menschlichen Problemlösungsvorgangs und dessen Implementierung in einen Algorithmus hat bei mir immer das Gefühl (!) hinterlassen, dass der Algorithus doch nichts vom Problem versteht und er es im Grunde nicht gelöst hat. Die Hauptarbeit habe immer ich – der Programmierer – geleistet, weil jedes Problem erst in die geeignete Repräsentationsform gebracht werden muss, bevor der Rechner es bearbeiten kann. Das Problem muss stets stark vereinfacht auf die wesentlichen Bestandteile reduziert werden, damit ein Rechner damit etwas anfangen kann. Wir Wissenschaftler wissen jedoch: das Erkennen wesentlicher Bestandteile und die erfolgreiche Reduktion ist der Schlüssel zum VERSTÄNDNIS des Problems und der Großteil der Problemlösung selbst. Der Rest ist einfache mechanische Durchführung. Und nur für letzteres scheint der Rechner leisten zu können. Hier sehe ich den Hauptgrund für das Scheitern der KI: der erste, vom Verständnis geleitete Teil lässt sich scheinbar partout nicht in einen Algorithmus packen. Jede Analyse in Bestandteile scheint etwas Wesentliches zu zerstören. Aber was? Etwas Großes, nicht zerlegbares Ganzes, etwas, das versteht und intuitiv den Problemlösungsprozess leitet.

4. Leitung
Intuition, Verständnis leitet Berechnung.
Bewusstsein gibt der Berechnung einen Sinn. Warum wird gerechnet, wann hört man auf, wann ist ein Weiterrechnen stupide?
Halteproblem

Dies führt wieder direkt zum nächsten Punkt. Als Wissenschaftler wissen wir aus Erfahrung: Forschung wird von intuitivem Verständnis des Problems geleitet, keiner berechnet, wo die Lösung des Problems liegen mag, man lässt sich intuitiv leiten. Das ist der leitende Aspekt des Bewusstseins. Gleichzeitig ist die Intuition sinngebend. Sinn entsteht erst durch ein ganzheitliches Verständnis des Problems. Bei einem Algorithmus, der stupide durchgeführt wird, hat der Rechner weder den Hauch einer Ahnung, was er da überhaupt tut, noch weiß er, ob er das Problem gelöst hat, noch weiß er, was er tun soll, wenn er sich beim Problem verheddert hat. Das erinnert an das Halteproblem von Turingmaschinen, das diese Problematik präzisiert hat. Der Mensch hat jedoch ein Gefühl dafür, ob es Sinn macht, was er tut.

5. Simultaneität
Widersprüche werden aufgelöst. (A) und (nicht A) können gleichzeitig wahr sein.
Spirituelle, intuitive Menschen spüren weniger Widersprüche

Die Fähigkeit des Bewusstseins, exponentiell große Hypothesenräume abzusuchen (um die zündende Idee zu finden) ist möglicherweise damit verbunden, dass viele Wege gleichzeitig eingeschlagen werden. Dies scheint widersprüchlich, allerdings gibt es Hinweise dafür, dass logische Widersprüche kein Hindernis für das erfolgreiche Funktionieren des Bewusstseins sein müssen. Dies ist ein radikaler Ansatz, aber man sollte bedenken, dass unser Beharren auf die Nichtvereinbarkeit von (A) und (nicht A) auf die aristotelische Logik zurückgeht und ein westliches Phänomen ist. In festöstlichen Kulturen und Religionen können einander widersprechende Aussagen durchaus miteinander vereinbar erscheinen – dies muss man erstmal schlucken! Aber ich bin bereit einen hohen Preis zu zahlen, wenn es darum geht, diese große Dualität zu verstehen.

6.  Teleologie
Lebewesen verfolgen Ziele und sind (scheinbar?) nicht herumirrende Opfer der Naturgesetze. Die Evolution scheint ein zielgerichteter Prozess zu sein, obgleich mir natürlich klar ist, dass selbst Systeme, die durch einfache Regeln erzeugt worden sind, ein scheinbar zielgerichtetes Verhalten aufzeigen. Intuitiv (!) jedoch ist diese Erklärung für mich unbefriedigend.

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Haben wir Lösungsansätze? Ich habe zwei heiße Kandidaten, einen aus der materiellen Welt und einen aus der Bewusstseinswelt: die Quantenphysik und die Erleuchtung. 😀

1. Quantenphysik

Es ist vielleicht bizarr, aber wenn es einen Zugang in der materiellen/physikalischen Welt gibt, der diese Dualität überbrücken kann, dann scheint mir die Quantenphysik der beste Kandidat zu sein und zwar aus dem Grund, dass sie viele der oben genannten Aspekte in sich vereint:

Leitung: Einfluss des Bewusstseins auf die Materie. Das Messproblem ist immer noch nicht gelöst. Wie kann der Beobachter den Kollaps der Wellenfunktion herbeiführen? Schafft es etwa der Mensch (durch einen kreativen Akt??) aus der ungeheuren Anzahl der möglichen Welten eine auszuwählen?

Simultaneität, Holismus: Quantensysteme können verschiedene Wege gleichzeitig einschlagen, was im Pfadintegralformalismus besonders deutlich wird.

Komplexität: Quantencomputer kann damit umgehen und Probleme, die durch klassische Algorithmus nur in exponentieller Zeit lösbar sind, in polynomieller Zeit lösen.

2.  Erleuchtung
Diese Möglichkeit geht aus der Erkenntnis hervor, jeder durch rationales Denken geleitete Versuch, diese große Dualität zu verstehen, scheitern muss, weil Rationalität eben aus der Analyse, der Zerlegung, der Berechnung und der Logik besteht. Dies ist jedoch nur die eine Hälfte des Problems. Wenn wir das Problem vollständig verstehen wollen, müssen wir zweigleisig fahren. Der Weg der Erkenntnis muss neben der rationalen Schiene auch auf der intuitiven, gefühlsgeleiteten, auf der Innenschau und inneren Entwicklung basierenden Schiene verlaufen. Das ist auch der Grund, warum meine obigen „Argumente“ nur schlampig-intuitiv-gefühlsgeleitet waren. Ich entferne mich bewusst von rationaler Präzision, um zu anderen Erkenntniskanälen einen Zugang zu erlangen.
Der Weg der Erleuchtung würde in diesem Zusammenhang bedeuten, dass man diese alternativen Kanäle ernst nimmt. Die Hoffnung ist, dass sich dann ein Erkenntniszustand einstellt, der nicht durch Wissen, sondern durch Weisheit zum Verständnis unseres Problems gelangt. Die Hoffnung ist, dass man dann nurmehr „alles versteht“, wie es erleuchtete Menschen beschrieben haben.

Dies ist wohl mein Lebensziel.

(Arthur Franz)

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