[2] Vorläufige Antwort (Claus Metzner)

(0) Arthur, zunächst einmal besten Dank für deinen äußerst stimulierenden letzten Post. Wäre ich im Augenblick nicht mitten in der heißen Phase zweier wichtiger Projekte, würde ich gerne viel ausführlicher darauf antworten. So aber vorerst nur ein paar spontane Bemerkungen. An die einzelnen von Dir angesprochenen Punkte sollten wir zu einem günstigeren Zeitpunkt noch im Detail anknüpfen.

(1) Vielleicht können wir einen Teil der von Dir aufgezählten herausragenden Eigenschaften des menschlichen Denkens – im Kontrast zu den kognitiven Leistungen heutiger künstlicher Systeme (KI, neuronale Netze) – mit dem Gegensatzpaar „flüssiges“ versus „festes“ Denken umschreiben und zusammenfassen.

Der Festkörper steht hier symbolisch für Starrheit, Regelmäßigkeit und Brüchigkeit, die Flüssigkeit für geschmeidige Anpassungsfähigkeit und überraschende Dynamik. Das andere wichtige Gegensatzpaar „bewußt“ – „unbewußt“ möchte ich vorerst getrennt betrachten.

(2) Ich gebe Dir recht, daß heutige künstliche Systeme immer noch einen sehr „festen“ Eindruck machen, ganz besonders im Bereich der KI, etwas weniger bei den künstlichen neuronalen Netzen. Allerdings sollte man nach meiner Meinung hieraus nicht den voreiligen Schluß ziehen, es sei grundsätzlich unmöglich, künstliche komplexe dynamische Systeme zum „flüssigen“ Denken zu bringen.

(3) Ein Netzwerk aus 10 hoch x künstlichen Neuronen mit kontinuierlichen Aktivitätsgraden hat einen ungeheuer großen Zustandsraum. Schon bei nichtlinearen Systemen mit sehr wenigen Komponenten muß man oft lange im Parameterraum suchen, bis man die „Inseln“ findet, in welchen plötzlich interessantes Verhalten auftritt. Man denke nur an Conway’s „Game of Life“: Schon zelluläre Automaten mit minimal anderen Regeln zeigen nur langweiliges Verhalten. Wir haben heute keine brauchbaren Heuristiken, mit denen wir gezielt die „flüssigen“ Phasen komplexer Systeme aufspüren könnten. Stattdessen geben wir einfache Ziele vor, trainieren das Netz mit Backpropagation für diese spezielle Aufgabe, und wundern uns dann, warum das Ergebnis niemals
„über sich hinaus wächst“.

(4) Natürliche kognitive Systeme haben auch den Vorteil eines hochkomplexen Körpers mit fantastischen Sinnesorganen und Aktoren, sowie den des graduellen Aufwachsens in einer komplexen Welt mit Ko-Organismen. Ich glaube daher auch, daß Fortschritte im
künstlichen „flüssigen“ Denken eher aus der Robotik kommen werden.

(5) Wir haben auch noch nicht alle Resourcen ausgeschöpft, die für „flüssiges“ Denken relevant sein könnten, wie z.B. stochastische statt deterministische Dynamik, kontinuierlicher statt diskreter Zustandsraum, oder die nicht-klassischen Effekte des Quantumcomputing.

(6) Die wichtigste Resource haben wir nach meiner Meinung noch gar nicht begonnen auszuschöpfen: Die Fähigkeit eines Systems zum unbegrenzten Wachstum unter Beibehaltung der bereits funktionierenden Funktionen. Einen wichtigen Schlüssel hierzu vermute ich in der Kombination von

  • ineinandergreifenden Regelkreisen (die gegen Veränderung gut geschützt sein müssen und dafür sorgen, daß trotz ständiger Fluktuationen und Umbrüche im System alle zum Funktionieren essentiellen Randbedingungen erhalten bleiben) und
  • positiven Rückkopplungs-Schleifen (die zufällig auftretende, anfänglich kleine neue Trends wachsen lassen können). Ein System dieser Art, auf das man wirklich aufbauen könnte, wäre ungeheuer robust: Man könnte z.B. problemlos „in run time“ Komponenten herausnehmen oder hinzufügen. Es könnte daher wachsen und sich evolutiv weiterentwickeln.

(7) Ähnlich wie in (6) laufen nach meiner introspektiven Erfahrung auch kreative Denkprozesse ab: Es gibt Randbedingungen des Problems, die nicht angetastet werden dürfen. Wie in einer gut geheizten Flüssigkeit entstehen ständig neue kleine Turbulenz-Muster. Viele, die nicht komplett mit allen Randbedingungen verträglich sind, werden gleich wieder von den Regelkreisen unterdrückt. Irgendwann taucht eine passende Fluktuation auf, die ungehemmt wachsen kann und schließlich dominiert: Wie eine stabile Konvektions-Walze. Überhaupt halte ich es für vielversprechender, das Gehirn als eine Selbstorganisations-Maschine zu betrachten, statt als Informationsverarbeitungs-Maschine.

(8) In (1) habe ich die Achsen „fest“-„flüssig“ und „unbewußt“-„bewußt“ entkoppelt, weil ich nicht überzeugt bin, daß beiden Gegensatzpaare notwendig zusammengehören. Viele Leute glauben, es gäbe so etwas wie ein geheimnisvolles „Selbst“, welches sowohl für das Bewußtsein wie auch für das „flüssige“ Denken verantwortlich ist. Ich dagegen könnte mir (zumindest rein logisch) wachstums- und evolutionsfähige Roboter vorstellen, die in einer menschlichen Kultur ähnlich aufwachsen wie unsere Kinder. Sie würden vielleicht irgendwann sprechen lernen und den Turing-Test bestehen – ohne daß wir uns jemals darum gekümmert haben, ihnen „Bewußtsein“ einzubauen.

(9) Aufgrund meiner buddhistischen Neigungen bin ich ein Anhänger der Idee des Nicht-Selbst: Eine Person hat keinen „Selbst-Kern“, sondern ist ein Strom von Ereignissen, eingebettet in den Ereignis-Strom der Umwelt. Ich glaube, wir lernen intersubjektiv, einen Teil dieses Ereignisstroms als unser Selbst abzugrenzen. Durch Kommunikation mit anderen Lebewesen werden wir immer wieder in dieser Illusion bestärkt.

(10) Wie das Bewußstsein mit dem durch Reinforcement antrainierten Selbst-Kern zusammenhängt, verstehe ich natürlich auch nicht. Es gibt aber zahllose Berichte von Buddhisten, die nach jahrelangem „Deinforcement-Training“ einen Zustand der Selbstlosigkeit realisieren und dennoch von einem überaus klaren Bewußtsein sprechen. Ist Bewußtsein also teilweise unabhängig vom Selbst-Konzept ? Jedenfalls bin ich mir recht häufig irgendwelchen Dingen bewußt, ohne gleichzeitig meiner Selbst bewußt
zu sein, z.B. in den wunderbaren Flow-Zuständen beim Arbeiten oder Musik machen. Schwierige Sache ….

Soviel für heute.

(Claus Metzner)

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Über Claus Metzner

Physicist (PhD, Priv.Doz.), Theory of Complex Systems and Biophysics. Plays Jazz piano. Loves Japan.
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