[4] Antwort auf „Die Metabene“ (Claus Metzner)

(1) Zu 3.1: Ich halte es auch für eine gute Idee, die Metaebene im Blick zu behalten und gleich zu Beginn der Diskussion offen darüber zu reden – und zwar auch mit der positiven Option, die dort waltenden „Leit-Kräfte“ gewinnbringend auszunutzen. Denn auf der Metaebene finden sich ja nicht unbedingt nur niedere Beweggründe, sondern ebenso unsere gesamte kondensierte Lebenserfahrung. Nach meiner Vorstellung bilden sich bei jeder Person im Laufe ihres Daseins  allgemeine Tendenzen und Charakterzüge heraus, so wie sich der Regen auf geologischen Zeitskalen ein Netz von Kanälen gräbt. Jede kleine Mikroentscheidung und Mikroerfahrung trägt dazu bei, ebenso natürlich mögliche plötzliche Umbrüche in der jeweiligen Biographie. Diese sich langsam herausformende Metaebene verändert dann umgekehrt – im Sinne einer Top-Down-Causation – die Wahrscheinlichkeiten der Mikroentscheidungen. Die Metabene ist so etwas wie das Karma. Je nach der persönlichen Biographie können die eingeübten Beweggründe des Handelns somit „niedriger“ oder „höher“ (more skillfull, wie moderne Buddhisten sagen) entwickelt sein, konsistent oder konfus, konflikt-trächtig oder friedenschaffend.
(2) Nun bin ich persönlich mit den Grundtendenzen meiner Metabene – zumindest soweit sie mir bewußt sind, einigermaßen einverstanden. Ich habe im Großen und Ganzen das Gefühl, mit meiner Lebenseinstellung um mich herum – selbstkonsistent – immer wieder eine Umgebung zu schaffen, die mir wohltut, niemandem schadet und ein paar Menschen sogar ein wenig nützt. Selbstvertständlich bin ich aber dabei immer offen für das Neue, manchmal geradezu besessen von der Hoffnung, noch einmal ganz neue, ungeahnte Bahnen in den Sand meiner Metaebene zu graben.
(3) Zu 3.2: Du scheinst Dich tatsächlich gerade in einer Umbruchphase zu befinden. Es könnte daher gut für Dich sein, diese Top-Down-Causation zuzulassen, die Dich gerade hin zieht zur Spiritualität: Nicht mehr nur die Welt von außen analysieren und in tote Modelle pressen, sondern von innen heraus die Welt im Hier und Jetzt erleben. Immerhin hatte auch ich eine über viele Jahre andauernde Lebensphase, in der ich alles verschlungen habe, was mit Zen und Taoismus zu tun hatte, viel meditierte und japanische Kampfkünste übte.
(4) Meine physikalische Hauptbeschäftigung habe ich darüber allerdings niemals aufgegeben, sondern sie im Gegenteil genutzt, um einen kleinen Traum zu realisieren: Meinen zweijährigen Japan-Aufenthalt. Die Wissenschaft hat mir aber nicht nur in dieser Hinsicht sehr bei meiner inneren Entwicklung geholfen, sondern mich auch mit einer großen Zahl wirklich interessanter Menschen zusammengeführt. Ich brauche ausgeflippte, idealistische und gleichzeitig klar denkende, offene, intelligente, mit den modernsten Entwicklungen vertraute Typen um mich herum. Und die finde ich nirgends besser als in der Wissenschaft. Auch arbeitet man in der Wissenschaft selbstbestimmter und mit weniger Druck als irgendwo sonst – wenn man nicht gerade den Fehler macht, sich in eine selbsternannte  „Elitegruppe“ zu begeben. Entschuldige, ich bin abgeschweift.
(5) Zu 3.4: Ich hoffe, wir können trotzdem weiterdiskutieren, auch wenn ich nicht gewillt bin, mich so schnell von meinen bewährten Grundtendenzen zu befreien. Ich bin darüber hinaus gar nicht von der Existenz einer monolithischen, objektiven „Wahrheit“ überzeugt, die irgendwo da „draußen“ auf ihre Entdeckung wartet. Irgendwie habe ich eher das Gefühl, es gibt da draußen nur eine in ihren vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten unvorstellbar große, leere Sandwüste, in die wir unsere eigenen Kanäle graben und auf die wir unsere eigenen Pyramiden bauen müssen. Wir kreieren uns eine intersubjektive Welt, auch dann, wenn wir glauben, Naturgesetze zu entdecken. Es gibt schon einen objektiven Möglichkeitsraum, aber wie dieser uns konkret subjektiv erscheint, hängt von unserer „Einstellung“ ab. Immer wenn man etwas geklärt oder erkannt hat, tun sich neue Dimensionen auf.
(6) Zu 3.3: Hier also im Vorab – und in stichworthafter Kürze – einige meiner Grundtendenzen, mit denen Du rechnen werden mußt, wenn wir weiter diskutieren:
(a) Ich bin ein großer Freund der Naturwissenschaften.
(b) Ich glaube, daß sich auch die höheren Leistungen menschlichen Denkens, die Du angesprochen hast, letztlich mit wissenschaftlichen Methoden erklären und (bio-)technisch nachbilden lassen.
(c) Nur mit dem Bewußtsein ist es möglicherweise anders. (Ich muß hier doch ganz kurz ausholen: Ich verstehe leider nicht genau, was Leute jeweils unter Bewußtsein verstehen. Für mich ist das ein Mix aus unterschiedlichen Problemen: Gewahrsein von Zuständen/Ereignissen, Selbst-Erfahrung, Freier Wille, usw..  Ich glaube wie Singer, daß freier Wille – und die damit verbundene Verantwortlichkeit –  in der frühkindlichen Phase  intersubjektiv erzeugte und dann immer wieder bestärkte Konstrukte sind – nichtsdestoweniger sind sie aber bindend und wirksam. Selbst-Erfahrung sollte kein besonderes Problem sein, wenn man Fremd-Objekt-Erfahrung, d.h. das allgemeine Gewahrsein verstanden hat. Selbst-Erfahrung ist sicher auch kulturell verschieden – es gibt ja weniger selbst-bezogene Kuturen.) Das Kernproblem ist für mich somit das Gewahrsein von Zuständen. Noch besser: Was Buddhisten als reines Gewahrsein bezeichnen: Eine inhaltslose Erfahrung reiner Bewußtheit. Bei diesem Punkt schließe ich mich dem Ignorabimus von Du Bois – Raymond an, wir können das nicht rein wissenschaftlich angehen.
(d) Ich bin ein großer Freund des Buddhismus und glaube, daß er einen bewährten und zugleich mit der Wissenschaft völlig kompatiblen Weg bietet, das Gewahrseins-Problem durch persönliche Erfahrung von innen heraus zu vertstehen.
Claus.
Advertisements

Über Claus Metzner

Physicist (PhD, Priv.Doz.), Theory of Complex Systems and Biophysics. Plays Jazz piano. Loves Japan.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s